
Hast du das auch erlebt: Du sitzt bei einer Prüfung, hast auch wirklich viel gelernt, aber plötzlich herrscht Leere in dir? Dir fällt kein einziges Wort ein, geschweige denn, dass du ganze Sätze herausbringen kannst.
Mark Twain soll einmal gesagt haben: Das Gehirn ist eine großartige Sache. Es funktioniert vom Moment der Geburt an – bis zu dem Zeitpunkt, wo du aufstehst, um eine Rede zu halten.
Diese Prüfungs-Angst begleitet viele Menschen bis ins Erwachsenenalter. Allein die Vorstellung, eine Rede halten zu müssen, bringt viele ins Schwitzen.
Mir ging es lange genauso. Jedes Mal, wenn ich einer prüfungsähnlichen Situation gegenüberstand, war es, als ob mein Gehirn leer gefegt war und ich mich in Schockstarre befand.
Aus diesen Erfahrungen ergaben sich bei mir zwei Verhaltensweisen.
1. Ich sammelte Wissen, vornehmlich aus Büchern.
2. Ich vermied, wann immer es nur ging, frei reden zu müssen.
Angelerntes Wissen gab mir scheinbare Sicherheit. Je mehr Wissen ich habe, so dachte ich, umso souveräner bewege ich mich in dieser Welt. Musste ich doch mal eine Rede oder einen Vortrag halten, lernte ich den Text fast auswendig. Nie wieder wollte ich so eine unangenehme Situation erleben, wie damals bei den Prüfungen.
In unserer Gesellschaft verknüpfen wir Wissen stark mit Worten. Denn, wie eben in der Schule gelernt, ein Wissen, dass wir nicht in Worte fassen können, ist wertlos. Gerade Sätze allerdings, am besten noch genauso wiederholt, wie sie im Buch standen, sicherten uns eine gute Note.
Wissen ohne Worte
Es gibt auch jene Situationen, in denen du weißt, aber keine Worte findest. Ich hatte dieses tiefe Wissen zum Beispiel, als ich mich selbstständig machte. Ich wusste, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist, ich wusste, dass es gut werden wird, ich wusste einfach.
Versuchte ich, dieses Wissen in Worte zu fassen, scheiterte ich meist. Mein Verstand war sich nämlich gar nicht so sicher. Er fand genug Gründe, warum es keine gute Idee war, ein eigenes Unternehmen zu gründen.
Früher war dieses Wissen ohne Worte (oder auch Intuition oder Bauchgefühl oder innere Weisheit genannt) kein sehr vertrauenswürdiger Zustand. Ich bin in der Wirtschaft groß geworden und da war das Bauchgefühl kein adäquates Mittel, um Entscheidungen zu treffen. Wissen kommt von Zahlen, Daten und Fakten und ganz gewiss nicht aus dem Bauch. Und klarerweise wurde Wissen auch nur akzeptiert, wenn es, wie in der Schule, in schönen und geraden Sätzen ausgedrückt werden konnte. Ein Stammeln „ich weiß, aber ich kann nicht sagen, woher ich weiß, warum ich weiß und nicht einmal genau, was ich weiß“ – ja, das wurde definitiv nicht akzeptiert.
Eines Besseren wurde ich belehrt, als ich für 3 Monate in Brasilien war und dort ein Projekt leitete. Ich spreche kein Portugiesisch und daher wurden alle Meetings, bei denen ich anwesend war, in Englisch geführt.
Trotzdem passierte es manchmal, dass die Teilnehmer:innen in ihre Muttersprache wechselten, vor allem wenn die Diskussionen hitzig wurden. Ich saß dann mittendrin und verstand kein Wort. Am Anfang versuchte ich oft, das Gespräch wieder in die Sprache zu lenken, die auch ich beherrschte. Nach einer Weile hörte ich damit auf, denn ich stellte Erstaunliches fest: Obwohl ich kein Wort verstand, wusste ich, um was es in der Diskussion ging. Natürlich konnte ich es nicht Wort für Wort wiedergeben, aber ich hatte so viel mehr Informationen, mit denen ich arbeiten konnte: Körpersprache, Energie, Mimik, Melodie.
Ich besaß Wissen ohne Worte. In zweierlei Hinsicht. Erstens kam dieses Wissen nicht von Worten und zweitens konnte ich dieses Wissen auch nicht in Worte fassen. Welch eigenartiger Zustand für mich, die doch immer Wissen ausschließlich mit Worten verband.
Die eigentliche Information liegt hinter den Worten
Sprache ist in unserer Gesellschaft unglaublich wichtig. Sie ist auch wundervoll. Wir können damit kommunizieren und uns ausdrücken. Wir können wunderbare Geschichten, Gedichte und Liedtexte schreiben.
Was wir dabei aber übersehen ist, dass die eigentliche Information gar nicht in den Worten liegt.
Wenn du noch nie einen Sonnenuntergang erlebt hast, dann sagt dir das Wort „Sonnenuntergang“ gar nichts. Ein Wort bekommt erst eine Bedeutung, wenn du damit ein Gefühl und ein Erlebnis verbindest. Erst dann verstehst du, welch beeindruckendes Naturschauspiel so ein Sonnenuntergang ist.
Und dieses Gefühl und Erlebnis sind wiederum kaum in Worte zu fassen. Denn wie willst du einen Sonnenuntergang beschreiben, wenn dein Gegenüber diesen noch nie erlebt hat? Das ist unmöglich. Er wird zwar die Worte verstehen, aber niemals verstehen, was du tatsächlich ausdrücken möchtest.
Die Prüfungs-Situation, vor der wir alle Angst haben und bei der wir kein Wort mehr herausbringen, bezieht sich ausschließlich auf angelerntes Wissen. Wir lernen aus Büchern, haben aber selbst kein Erleben dazu. Für unser Gehirn ist es schwierig, sich ganze Texte zu merken, wenn wir kein Gefühl dazu packen.
Viel einfacher ist es, wenn Worte einfach aus uns rausfließen dürfen. Ich bin mir sicher, dass du selbst schon so etwas erlebt hast. Du fängst über dein Thema zu reden an und plötzlich sprudeln die Worte nur so aus dir heraus. Manchmal kannst du dich gar nicht erinnern, was du alles gesagt hast und vielleicht bist du sogar überrascht, welch „kluge“ Aussagen du getroffen hast.
Das alles passiert, obwohl (oder gerade, weil) du dich nicht vorbereitet hast. Dieses Wissen, das so leicht aus dir herausfließt, ist nicht in Worte zu fassen, bringt aber ganz wunderbare, lebendige Worte zum Vorschein. Begleitet von einem Gefühl, das allein schon alles aussagen würde.
Hervorragend kannst du den Unterschied bei einem Vortrag erkennen. Jene Rede, die nur auswendig gelernt ist, die somit nur aus Worten besteht, klingt leer und flach. Tiefe bekommt ein Vortrag erst, wenn hinter diesen Worten auch ein Gefühl verborgen ist. Dann wird er lebendig, dann spürst du ihn und erst dann wird er dir auch in Erinnerung bleiben.
Vertraue deinem sprachlosen Wissen
Mittlerweile bereite ich mich auf meine Vorträge nicht mehr vor. Ich habe zwar eine Überschrift und eine ungefähre Richtung, aber ich formuliere keine Sätze mehr vorab. Ich beginne und lass mich von dem Wissen, von dem ich gar nicht weiß, dass ich es habe, leiten und führen. Ich vertraue darauf, dass die richtigen Sätze und Formulierungen aus mir herauskommen.
Und das passiert und ich erreiche damit die Menschen nicht nur im Kopf, sondern tiefer. In einem Master-Mind-Call sagte eine Teilnehmerin zu mir: „Du hast gerade etwas gesagt, ich weiß nicht mehr was, aber es hat in mir ein ruhiges und angenehmes Gefühl ausgelöst.“
Genau darum geht es! Dass wir die Menschen nicht mit den Worten erreichen, sondern mit dem Gefühl, das dahintersteckt.
Mit einem Gefühl und einem Wissen, das wir nicht beschreiben und nicht erklären können. Das aber in allen von uns vorhanden ist.
Worte und Sprache sind wunderbare Werkzeuge für uns Menschen. Sie ermöglichen es uns mit anderen Personen zu kommunizieren, uns auszudrücken und Erlebnisse zu beschreiben.
Die wahre Magie entsteht aber jenseits von Worten. Wenn wir unserer Intuition vertrauen und unserem Gefühl lauschen, dann kommen die richtigen Worte von ganz allein. Diese sind lebendig, berühren die Zuhörer:innen und haben eine Tiefe, die wir mit unserem Verstands-Wissen niemals erreichen können.
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